Keine Kaffeehausdebatte - Belgrad Open Teil 1  

Debattieren, so wie eine Kaffeehaus-Debatte? „Alles nur nicht das.“ Das Publikum lacht. Professor Midrag Jovanovic gehörte zu den Grundungsväter der Debattierszene in Belgrad, er war immer schon ein kritischer Geist und marschierte bei den Demos gegen das Regime mit. Heute lehrt er Jura. Bei der Eröffnung der Belgrad Open steht er im Stadthaus und eröffnet das Debattierturnier.  Neben ihm sitzen Top-Juroren, so der Chefjuror der WM, Will Jones oder der EM, Leela Koenig, die werden auch gleich reden. Hier die ersten Eindrücke der Belgrade Open.

Die Reise hierher war interessant, von Berlin mit dem Zug via Budapest nach Belgrad, insgesamt 22 Stunden, aber nur einmal umsteigen. Der Zug ist meist leer, nur zwischen Prag und Bratislava füllt er sich, viele Studenten auf dem Heimweg. In Budapest heißt es umsteigen in einen Nachtzug. Mit einem Schweden auf Weltreise und einer Amerikanerin, die in Budapest studiert rumpelt es sich unterhaltsam nach Serbien.

 

In Belgrad herrscht temperaturmäßig Frühling, also heißt es Mantel ausziehen und zum Hotel laufen. Dort wartet das Begrüßungskommitee und organisiert schon um 8 Uhr morgens ein Zimmer für die Sachen und zum Duschen. Einzelzimmer, mit Klimaanlage: Das heißt, die Heizung ist immer an und wer kühlen will, der öffnet einfach das Fenster.

 

Die Begrüßungsmappe ist wunderbar, zwar gibt es keine ein Block oder Stift aber dafür Stadtplan und eine Mobilfunkkarte mit Guthaben. Damit ausgestattet geht zu einem ersten Stadtbummel. Belgrad pulsiert, es ist noch nicht so schick (und teuer) wie Moskau oder Warschau, aber dafür ist auch das Wetter besser. Frühling, 15 Grad und Sonnenschein.

 

Abends dann geht es in das prächtige Rathaus, unter Kronleuchtern dann die Eröffnung, vor sitzen die Juroren, so zum Beispiele Will Jones, Weltmeister 2009 und Chefjuror der WM in Antalya 2009 oder Leela Koenig, Chefjurorin der Europameisterschaft 2010 in Amsterdam (und der Berlin IV 2010).

 

Aber erstmal hält Professor Midrag Jovanovic seine Rede: „Um den Leuten zu erklären, was Debattieren ist, versuch’ ich es mit einer Negativdefinition: Das ganzen Gegenteil einer Kaffeehaus-Debatte.“ Denn da reden alle gleichzeitig, alle haben Recht und keiner hört zu. „Das wird also anstrengend für Euch,“ hätte er seinen ersten Studenten gesagt.

 

Gar nicht anstrengend sondern sehr unterhaltsam ist danach die Mastersround. Damit die Juroren nicht nur schreiben sondern auch reden, gibt es zur Eröffnung eine Debatte. Thema: DHW würde Medikamente an Gefangenen testen.

 

Will Jones legt los: Es werde nur getestet, was bisher auch gestest würde, also keine perversen Experimente sondern Mittel gegen Diabetes etc. Der Vorteil ist, dass Gefangen gezwungenen werden können. Außerdem retten diese Tests Leben. Da steht Leela Koenig zur Zwischenfrage auf: Warum nicht Freiwllige bezahlen? Will Jones: „Weil die aussteigen.“ Außerdem seien Gefangene die bessere Klumpenauswahl (Sample) der Gesellschaft, bei freiwilligen melden sich immer nur bestimmte Leute. Nein, sie nehmen den Abschaum der Gesellschaft: Vergewaltiger, Kinderschänder, Mörder und Bankster – großes Gelächter im Publikum wegen der letzten Gruppe. Denn diese Gruppe sei ohnehin schwer zu rehabilitieren.

 

Leela Koenig widerspricht: Sie haben uns nicht erklärt, warum sie das Recht der Gefangen zur Selbstbestimmung über ihren Körper einschränken. Die große Gefahr sei, dass Gefangene dadurch unfähig zur Rehabilitation werden, da ihnen selbst ihr Recht genommen würde, dass ihr Körper unversehrt bleibt. Wer würde denn zurück in die Gesellschaft wollen, wenn die ihn Mittel zwingt, die ihn erbrechen und grün anlaufen lassen. Außerdem begibt sich die Gesellschaft damit auf deren Niveau, es verletzt die Körperliche Unversehrtheit. Mit der Rechtfertigung, dass diese Tests (und der Staat) damit Leben retten, ließe sich später alles rechtfertigen und daher sollte damit niemals angefangen werden.

 

So stehen beide Linien, die sich bis zum Schluss durchführen. Am Ende gibt es eine Abstimmung im Publikum, das findet, die Opposition hätte besser argumentiert.

 

Anschließend gibt es Sekt, Saft, Selters und später geht es in die Kneipe. Hier erzählt Professor Midrag Jovanovic noch ein wenig aus der Historie: Er war schon immer ein kritischer Geist, als er 1990 an der Uni sein Jura Studium begann, marschierte er auch bei den ersten Demos gegen das Regime, auch 1992 war er dabei. Trotzdem wurde er als Dozent eingestellt und konnte Open Communication gründen, die Debattiergesellschaft für die Fakultäten der Uni Belgrad, das war 1995. Debattieren hatte sich damals schon in Schulen etablier, aber auf dem Uni-Level war die Skepsis größer als in den Schulen, weil natürlich auch die Themen anders waren. Natürlich wäre es schwierig gewesen, ein Milosevic-kritisches Thema zu debattieren, dann überlegt er: „Nein, vielleicht wäre es doch gegangen.“

 

Dann setzt sich ein ehemaliger Student zu uns an den Tisch. Er erzählt, dass Debattieren ihn toleranter gemacht habe. So sei er sehr Liberal, bei den Demos 1996 und 1997 gegen das Regieme sei er mit seinem Professor mitmarschiert und hätte sich dafür zu Haus mit seinem Vater gestritten, denn der, Offizier der serbischen Armee und sehr patriotisch, hätte das natürlich nicht gutgeheißen. Durch das Debattieren hätte der Sohn aber üben können, auch andere Meinungen zu akzeptieren.

 

Heute arbeitet er als Rechtsanwalt und als Trainer in seinem ehemaligen Club. Was ihn erstaunt: Jetzt sind viel mehr der Studenten sehr national-konservativ, die Altvorderen diskutieren oft mit ihnen über die Unabhängigkeit des Kosovo, das Verhältnis zur EU und hoffen, dass die Jungen ihre Einstellungen ändern. Dann lacht er: Ja, früher da war alles besser im Club, wir liberaler, das Bier war besser und die Frauen, na die waren auch schöner. Dann lacht er und kauft seiner Freundin eine Rose.

 

Später dann mehr von den ersten Debatten und den Partys.

Von: Mathias Hamann

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