Potsdam im Finale des Berlin IV 2010

Das erste Turnier des Potsdamer Clubs war 2005 ein englisch-sprachiges in Berlin. Unsere Vorredner mußten damals nach den Vorrunden die Segel streichen. Wir schaffen es fünf Jahre später sogar ins Finale. Bei den Humboldt Berlin IV 2010 hatten wir viel Spaß, unter anderem mit den Body-Snatching-Twins.

Lieber Asche in der Tasche als Asche in der Luft; so lautet eine Erkenntnis der Berlin Humboldt IV, dem englischsprachigen Debattierturnier der Berlin Debating Union. Die BDU hatte für ihre Massenstreiterei am vergangenen Wochenende ein dickes Sponsoring an Land gezogen.


Wozu haben die Hauptstädter das ganze ausgeben: Für Bier (natürlich erst nach vier), gutes Essen (unter anderem lokale Spezialitäten: Döner und Spreewaldgurken) aber auch einen exzellenten Jurorenpool.


So sind dabei unter anderem Leela Koenig, Chefjurorin der kommenden Europameisterschaften in Amsterdam, Chris Croke, amtierender Weltmeister, dazu Chefjuroren zahlreicher anderer internationaler Turniere. Die geben kurz und präzise Feedback und sind danach auch zu ausführlichen Erläuterungen bereit, die einem immer weiterhelfen.


Leider verhindert die Asche in der Luft die Anreise der meisten Muttersprachler-Teams aus Irland oder UK, so sind schließlich 48 statt geplanten 72 Teams am Start, aber immerhin aus 11 Ländern. Die Orga strich daher das Viertelfinale und das ESL-Halbfinale und gab uns stattdessen eine sechste Vorrunde. Super-Idee.


Die deutsche Fraktion ist natürlich am zahlreichsten. So sind unter anderem dabei: Viele Gewinner deutscher Turniere, deutsche Meister und ein Vize-Weltmeister.


Potsdam tritt mit 3 Teams an. Das Berlin IV 2010 ist für uns besonders, weil auch vor fünf Jahren ein englischsprachiges Turnier in Berlin das erste Turnier war, bei dem unser Club öffentlich ans Rednerpult trat, wie es aus den Archiven der Lokalpresse zu sehen ist. Für unsere Vorredner war damals in den Vorrunden Endstation – sollte es uns ähnlich gehen?


Die ersten Debatten beginnen am Freitagabend: Runde eins will wirtschaftliche Ausgrenzung als Asylgrund anerkennen, Runde zwei dreht sich um die Frage, ob die EU ihre Mitglieder zu Gay-Pride-Paraden zwingen sollte. Während die Juroren beraten sprechen wir mit einem Team aus Paris. Eine der Rednerinnen stammt aus dem Libanon und berichtet davon, dass es da zwar eine Schwulenszene gäbe, aber keine Paraden. Trotzdem kämen viele Menschen aus den Nachbarländern in den Libanon, die Schweiz des Nahen Ostens, weil es dort so liberal sei (ok, das erklärt die Schweiz) aber auch um Party zu machen (Schweiz?)


Die Juroren beraten etwas länger, so erfahren wir vom serbischen Team, dass in Belgrad eine Gay-Pride-Parade abgesagt wurde, weil die Verwaltung nicht für die Sicherheit garantieren konnte (oder wollte) aber natürlich gäbe es in der serbischen Hauptstadt eine recht offene Schwulen-Szene. (Wie es mit Lesben aussah, konnten sie uns leider nicht sagen.)


Der Samstag zeigte uns, was die gehasste Position der eröffnenden Regierung möglich macht: Ein Team aus Russland erklärte, warum Nato-Mitglieder keine Waffen an Nicht-Nato-Mitglieder senden sollten. Wenn Frankreich Kriegsschiffe an Russland verkaufe, dann verletze das die Interessen der baltischen Staaten und deren Sicherheitsinteresse wiege höher als das ökonomische Interesse Frankreichs, weil nämlich die Nato ein Sicherheitsbündnis sei und Frankreich somit gegen den Geist des Bündnisse verstoße.


Damit werden die Russen erster und wir in der schließenden Regierung letzter – es fehlt eine fundierte thematische Erweiterung.


Die letzten zwei Runden sind geschlossen, die Juroren geben kein Feedback, um die Spannung aufrecht zu erhalten, wer die Vorrunden übersteht. Trotzdem macht sich die Berliner Asche bezahlt: Überall, selbst in den Räumen mit wenig Chancen sitzen drei oder vier Juroren und wirklich exzellente und so sympathisch. Der Nörgel-Ton deutscher Prägung, niemand hört ihn. Teams auf Platz vier werden aufgebaut. Die Stimmung ist super.


Die vorletzte Runde ist dann die spaßigste, jede kulturelle und sportliche Veranstaltung mit Tierquälerei soll verboten werden. Im Raum des Schreibers sitzen zwei Schweden die in ihre trockene Rede tolle Witzen einbauen: „Als die Fuchsjagd verboten wurde, verschwand auch die englische Kultur nicht.“ Die Opposition guckt zweifelnd: „Ok, wenn es je eine englische Kultur gab.“ Während die Regierung sagt, dass sie Leid reduzieren wollte steht die Opposition dafür ein, dass nur das Glück und Spaß der Menschen wichtig sind, auch aufkosten toter Tiere. Daraufhin sagt der Schlussredner der Schweden: „Choose between the cute little puppies and the body snatching Twins.“


Die nächtliche Turnierparty bringt dann die große Überraschung: Einen Verlobungsantrag, zwei Teilnehmer aus Israel verkünden einander ihre Liebe und wir wünschen masel-tov.


Ach ja und die nächste Überraschung: Potsdam hat es ins ESL-Finale geschafft. Mit 12 Punkten aus sechs Runden schrammen Michael und ich nur wegen der Rednerpunkte am Main-Break vorbei. (Obwohl auch der Mainbreak nur aus Teams besteht, deren Mutersprache nicht englisch ist, die demzufolge einfach bessere Debattierer sind als wir, wie zum Beispiel Greifswald, Nummer drei auf der Rangliste nach den Vorrunden.)


Sonntag dann ESL-Finale: Michael und ich gegen den Vizeweltmeister Andreas (EFL) aus Stuttgart plus einer Leipzigerin, für Mainz reden Thore und Marcus (2008 deutscher BP-Champion für Halle) und ein Team aus Utrecht. Es geht um das Recht der Eltern über die Wahl ihrer Embryonen. Als eröffnende Regierung erklären wir, dass Eltern entscheiden sollten, welches Kind aus ihrem genetischen Material sie bekommen sollten und zwar in einem Stadium, wo es erst ein paar Zellen sind. Sie entscheiden schließlich ja auch mit wem (und so mit welchem Genmaterial) sie ein Kind haben wollten. Nun entscheiden sie einfach noch, welche Kombination sie gern hätten. Am Ende gewinnt Utrecht die Debatte, sie sagen dass Individuen nicht immer die besten Entscheidungen treffen, die einem Kollektiv nutzen. So würde die Motion in China dazu führen, dass vielleicht keine Mädchen mehr geboren werden, weil Jungs dort mehr gelten.


Im Main-Finale geht es um die Frage, ob es Quoten für Migranten in großen Städten geben sollte (um z.B. Ghetto-Bildung zu verhindern). Greifswald hat es als einziges deutsches Team in diese letzte Runde geschafft; aber auch hier gewinnt ein Team aus den Niederlanden, diesmal in der eröffnenden Regierung. Video davon gibt es hier, nach dem Klick.


Am Ende des Sonntags bleibt die Erkenntnis, dass sich Potsdam in den letzten fünf Jahren wirklich gut entwickelt hat. Mussten die Wortfechter 2005 noch in den Vorrunden die Segel streichen so waren all unsere Teams 2010 gut dabei. Zudem sind wir nun mit unserer Erfahrung auch in der Eröffnenden Regierung gut, zwar gewinnen wir nicht das Finale, werden aber auch da nicht vierter.


Trotzdem haben wir gemerkt, wie viel besser wir noch werden können, was Analyse, philosophisches Wissen und präzises Illustrieren angeht. Und das wissen wir nicht zuletzt dank der guten Juroren auf dem Turnier, welche die Berliner eingeladen hatte. Daher Dank an die Organisatoren für die Asche in der Tasche, für die Asche in der Luft und der Abwesenheit der Muttersprachler konnten sie ja nichts.


Hier noch mal die Themen in der Übersicht::

  • R1: This House would make severe economic deprivation a ground for asylum.
  • R2: This House believes that the EU should force its member states to host gay pride parades in their capital cities.
  • R3: This House believes Nato states should not sell arms to non-NATO states.
  • R4: This House would abolish all religious national holidays.
  • R5: This House would ban any and all sporting or cultural practices which involve harming animals.
  • R6: This House would allow individuals to put up their organs for auction.
  • Semi-Main: This House would give funding to newspapers in countries with oppressive regimes.
  • ESL Finale: This House would give parents the full rights when selecting an embryo.
  • Main Finale: This House would introduce an immigrant quota for neighbourhoods of large cities.

Von: Mathias Hamann

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